Wie viele Personen muss ich impfen, um eine zu schützen?
Sie spielt eine Rolle in Studien – und bei der Entscheidung, ob eine Impfung von der STIKO empfohlen wird. Außerdem kann sie leicht verständlich den Einfluss einer Impfung für den Infektionsschutz aufzeigen: Die Number Needed to Vaccinate (NNV). Eine Zahl kurz erklärt.
Auf einen Blick: Was ist die NNV?
Die NNV gibt an, wie viele Personen durchschnittlich geimpft werden müssen, um einen Erkrankungsfall zu verhindern.
Sie berechnet sich aus der Auftretenswahrscheinlichkeit (Inzidenz) der jeweiligen Erkrankung in einer ungeimpften (Iu) und in einer geimpften Population (Ig):
1/(Iu- Ig)
Je kleiner die daraus resultierende Zahl, desto weniger Personen müssen geimpft werden, um einen Erkrankungsfall zu verhindern – desto effektiver ist also die Impfung. Hierbei ist die NNV auch davon abhängig, ob Erkrankung, Hospitalisierung oder Todesfälle als verhindertes Ereignis für die Inzidenz herangezogen werden.
Metaanalyse: So viele Personen müssen gegen Herpes zoster geimpft werden, um eine Erkrankung zu verhindern
Eine Metaanalyse wertete 8 nicht-randomisierte Studien aus, deren primäres Augenmerk die NNV für eine Herpes-Zoster (HZ)-Reaktivierung, eine HZ-assoziierte Hospitalisierung sowie das Versterben im Zusammenhang mit einer HZ-Episode waren. Die Analyse weist darauf hin, dass in der Gruppe der über-65-Jährigen 12 Personen mit dem Totimpfstoff geimpft werden mussten, um einen Gürtelrose-Fall zu verhindern.1
Bei Betrachtung der über-50-Jährigen zeigen sich ähnliche Werte: In dieser Gruppe mussten 11 Personen mit dem Totimpfstoff geimpft werden, um einen Erkrankungsfall zu verhindern.1
Post-hoc Analyse von Zulassungsstudien stützt Zahlen
Diese niedrigen Werte spiegeln sich auch in einer Auswertung von Langzeitdaten der Zulassungsstudien für den HZ-Totimpfstoff wider.2 Um einen Gürtelrose-Fall zu verhindern, musste altersabhängig diese Personenzahl mit dem Totimpfstoff geimpft werden:2
- 50–59 Jahre: 6 Personen
- 60–69 Jahre: 6 Personen
- ≥ 70 Jahre: 10 Personen
Die Daten beruhten auf der Annahme, dass 70 % der Erstgeimpften auch die für eine bestmögliche Schutzwirkung notwendige 2. Impfdosis erhalten haben. Ginge man von einer 100 %igen Compliance aus, verringerten sich die Zahlen auf: 5, 5 und 8 Personen.2
Bezogen auf die Verhinderung eines Falles von postherpetischer Neuralgie (PHN), einer häufigen und schmerzhaften Komplikation der Gürtelrose, müssten folgende Personenzahlen eine Impfung erhalten (NNV):2
Compliance:* 70% 100%
50–59 Jahre (NNV) 36 28
60–69 Jahre 34 28
≥ 70 Jahre 48 39
* meint hier die Wahrscheinlichkeit, nach der 1. Impfstoffdosis auch die empfohlene 2. Dosis wahrzunehmen
NNV für weitere Impfungen
Die Zahl der zu Impfenden wird routinemäßig für die Evaluation von Impfempfehlungen herangezogen, so auch von der STIKO.3 Folgende Tabelle fasst Empfehlungsjahr, Indikationen und Anzahl der Personen, die geimpft werden müssen, um ein bestimmtes Ereignis zu verhindern („Prävention von“), zusammen:
| Empfehlungsjahr* | Impfindikation | Prävention von | NNV |
|---|---|---|---|
| 2007 | HPV (Mädchen) | Zervix-Ca | ~98/140a |
| 2018 | HPV (Jungen) | HPV-assoziierte Karzinome Tod durch HPV-assoziierte Karzinome Genitalwarzen |
246b 724b 64b |
| 2013 | Rotavirus (RV) | RV-Gastroenteritis Schwere RV-Gastroenteritis Hospitalisierung |
6 42 80 |
| 2016 | Pneumokokken (PPSV23) | IPD/PP-Hospitalisierungc Tod |
801 6.690 |
| 2018 | Influenza (tetravalent) | Behandelter Influenza-Fall | 10–29 |
| 2021 | Influenza (Hochdosis) | Behandelter Influenza-Fall | < tetravalente Impfung |
| Empfehlungsjahr* |
|---|
2007
Impfindikation HPV (Mädchen)
Prävention von Zervix-Ca
NNV ~98/140a; |
2018
Impfindikation
Prävention von HPV-assoziierte Karzinome
NNV 246b 724b 64b
|
2013
Impfindikation Rotavirus (RV)
Prävention von RV-Gastroenteritis
NNV 6 42 80
|
2016
Impfindikation Pneumokokken (PPSV23)
Prävention von IPD/PP-Hospitalisierungc Tod
NNV 801 |
2018
Impfindikation
Behandelter Influenza-Fall
10–29 |
2021
Impfindikation Influenza (Hochdosis)
Prävention von Behandelter Influenza-Fall
< tetravalente Impfung |
* Die hier aufgeführten Impfungen werden nicht uneingeschränkt empfohlen. Bitte beachten Sie diesbezüglich die genauen Angaben der STIKO;
a. Abhängig von einer angenommenen Durchimpfungsrate von 100 % / 70 %; b. NNV basierend auf der HPV-Impfung von Mädchen plus zusätzlicher Impfung von Jungen; c. IPD: Invasive Pneumokokken-Erkrankung; PP: Pneumokokken-Pneumonie; PPSV23: 23-valenter Pneumokokken-Polysaccharid-Impfstoff.
Die NNV kann Hinweise auf die Bedeutung eines Impfstoffes im Sinne des Infektionsschutzes liefern und wird neben anderen Kriterien bei der Evaluation von Impfempfehlungen herangezogen. Sie ist jedoch auch mit Vorsicht zu betrachten. So weist eine Analyse auf Basis mathematischer Modellierungen darauf hin, dass die NNV nur bei sehr hohen Reproduktionsraten und höchsteffektiven Vakzinen Schätzungen ohne Bias zulässt.4
Referenzen
1. Okoli GN et al. Infect Dis (Lond) 2022; 54(5): 356–366
2. Curran D et al. Hum Vaccin Immunother 2021; 17(12): 5296–5303.
3. Standardvorgehensweise (SOP) der Ständigen Impfkommission (STIKO) für die systematische Entwicklung von Impfempfehlungen. Abrufbar: hier. Stand: 11/2018.
4. Tuite AR et al. Vaccine 2013; 31(6): 973–978.
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