Wann gegen Dengue und Chikungunya impfen?
Die Empfehlungen der STIKO pragmatisch eingeordnet
Auf einen Blick
Die aktuellen Impfempfehlungen gegen Dengue & Chikungunya stellen viele Praxen vor Herausforderungen, da individuelle Risikofaktoren (Dengue) und Ausbruchssituationen weltweit (Chikungunya) häufig nur unzureichend erfassbar sind.
Prof. Dr. med. Tomas Jelinek, Wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Reisemedizin (CRM), empfiehlt eine pragmatische Indikationsstellung im Rahmen der jeweiligen Zulassung der Impfstoffe und entsprechend der Verbreitung der Vektoren (Überträgermücken).
Da beide Erkrankungen durch tagaktive Mücken der Aedes-Gattung übertragen werden, die zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang besonders aktiv sind, gilt in der Beratung von Reisenden die Formel: „Dämmerung = Dengue (+Chikungunya) = DEET-haltige Repellentien!“.1
Das Wichtigste zu den (Reise-)Krankheiten im Überblick
Chikungunya: Das Virus ist vorwiegend in tropischen und subtropischen Gebieten verbreitet, wobei Klimaveränderungen zu einer Ausweitung der Verbreitungsgebiete führen. Die Übertragung erfolgt durch Aedes-Mücken. Typische Symptome sind plötzlich auftretendes Fieber, Hautausschlag, Kopf- und Muskelschmerzen; selten auch schwere Hirnhautentzündungen. Risikogruppen sind Säuglinge, ältere und vorerkrankte Menschen.2 Ein wesentlicher Krankheitsfaktor sind teils langanhaltende Gelenkbeschwerden, die bei 30-40% der symptomatischen Erkrankungen auftreten und sowohl Lebensqualität als auch Arbeitsfähigkeit der Betroffenen stark herabsetzen können.3
Besonders problematisch: In vielen Verbreitungsgebieten fehlt es an einem effektiven Chikungunya-Monitoring, weshalb Erkrankungsausbrüche häufig erst nach Rückkehr von erkrankten Reisenden in deren Heimatland erkannt werden.4 Das Centrum für Reisemedizin (CRM) appelliert daher an Ärztinnen und Ärzte, Chikungunya-Infektionen bei Reiserückkehrenden in Betracht zu ziehen und ggf. zu melden.4
Dengue: Das Dengue-Virus kommt in 4 Serogruppen vor und wird ebenfalls durch Stechmücken der Gattung Aedes übertragen. Etwa 75 % der Infektionen verlaufen asymptomatisch oder mild. Bei symptomatischen Verläufen können hohes Fieber, starke Muskel- und Gelenkschmerzen („Knochenbrecherfieber“) sowie Blutungskomplikationen wie (Blut-)Erbrechen oder blutende Schleimhäute auftreten. Besonders schwere Verläufe können zu einer Schocksymptomatik und zum Tode führen.5
Besonders problematisch: Eine symptomatische Zweitinfektion mit dem Dengue-Virus wird gemeinhin als gefährlicher erachtet als die Erstinfektion. Als Mechanismus dafür gilt die sogenannte Antikörper-abhängige Infektionsverstärkung (Antibody-Dependent Enhancement, ADE). Dabei sollen Antikörper aus einer früheren Infektion mit einem anderen Dengue-Serotypen die Aufnahme des Virus in Immunzellen erleichtern und so die Virusvermehrung verstärken. Dies soll zu einer stärkeren Immunaktivierung und erhöhtem Risiko für schwere Krankheitsverläufe wie dem Dengue-Schocksyndrom führen. Eine aktuelle Studie stellt jedoch die Existenz dieses Phänomens der schwerer verlaufenden Zweitinfektionen in Frage.6
Die STIKO-Impfempfehlungen zu Chikungunya & Dengue
| Chikungunya7 | Dengue8 | |
|---|---|---|
| Womit? | 2 Impfstoffe zugelassen:
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2 Lebendimpfstoffe* zugelassen, jedoch nur einer verfügbar:
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| Wer? | Personen ab 12 Jahren bei:
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Personen ab 4 Jahren bei:
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| Wann? |
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| Chikungunya7 | Dengue8 | |
|---|---|---|
| Womit? | 2 Impfstoffe zugelassen:
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2 Lebendimpfstoffe* zugelassen, jedoch nur einer verfügbar:
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| Wer? | Personen ab 12 Jahren bei:
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Personen ab 4 Jahren bei:
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| Wann? |
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*Kontraindikationen für Lebendimpfstoffe beachten! Bei Impfung gegen Dengue empfiehlt die WHO eine verlängerte Nachbeobachtung (min. 30min) von geimpften Personen zur frühzeitigen Erkennung & Behandlung von Anaphylaxien.1 (siehe Originalpublikationen für detailliertere Angaben zu Impfindikationen)
Einordnung der STIKO-Impfempfehlungen für die Praxis
Chikungunya: In Ermangelung einer systematischen Erfassung von Erkrankungsfällen in vielen (anzunehmenden) Endemiegebieten empfiehlt Prof. Dr. Tomas Jelinek, die Verbreitung der Überträgermücke als Maßstab für die Gefährdung von Reisenden anzulegen: „Überall, wo es Dengue gibt, kann es womöglich auch Chikungunya geben. Chikungunya tritt häufig ausbruchsartig in Erscheinung, sodass sich die individuelle Gefährdung von Reisenden selbst unmittelbar vor der Reise häufig schwer vorhersagen lässt.“. Im Jahr 2025 meldeten auch Frankreich (>750) und Italien (>350) zahlreiche im eigenen Land erfolgte (autochthone) Infektionen.9
Dengue: Häufig lässt sich die in der STIKO-Empfehlung geforderte, laborgesicherte vorangegangene Dengue-Infektion bei Reisenden nicht sicher feststellen. Viele hatten schon unklare Fieberepisoden auf Reisen, ohne jedoch eine weiterführende Diagnostik im Reiseland gesucht oder erhalten zu haben. Ein möglicher Grund für die komplizierte STIKO-Empfehlung könnten zurückliegende Erfahrungen mit dem Dengue-Impfstoff Dengvaxia® sein, die sich jedoch nicht zwangsläufig auf den seit Dezember 2022 zugelassenen Dengue-Impfstoff Qdenga® übertragen lassen. Für Dengvaxia® hatte sich 2017, etwa anderthalb Jahre nach der Erstzulassung außerhalb der EU, gezeigt, dass es bei seronegativen Geimpften zu schwereren Dengue-Verläufen kommen kann.10 Daraufhin erhielt der Impfstoff in der EU nur eine EMA-Zulassung für Personen nach vorangegangener Dengue-Infektion und ist auf dem EU-Festland nicht verfügbar. Im Gegensatz dazu verweist Prof. Dr. Tomas Jelinek für Qdenga® auf die EMA-Zulassung unabhängig von einer vorherigen Infektion sowie auf Erfahrungen aus mehr als 2 Jahren Impfkampagne mit Qdenga® in Brasilien ohne Hinweise auf schwerere Verläufe nach Impfung.1, 11 Aus seiner Sicht kann die Frage nach vorangegangener Dengue-Infektion vor Dengue-Impfung von Reisenden daher entfallen.12
Referenzen
1. Robert Koch-Institut (RKI), Epidemiologisches Bulletin 14/2025, Stand 03.04.2025
2. Robert Koch-Institut (RKI): Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Schutzimpfung gegen Chikungunya, Stand: 20.08.2025
3. Silva LA, Dermody TS. Chikungunya virus: epidemiology, replication, disease mechanisms, and prospective intervention strategies. J Clin Invest. 2017 Mar 1;127(3):737-749.
4. Centrum für Reisemedizin (CRM), Pressemeldung „Chikungunya-Ausbruch im Indischen Ozean weitet sich aus – nun auch Fälle nach Reisen nach Madagaskar bestätigt“ (zur Mitteilung), Stand: Juni 2025
5. Robert Koch-Institut (RKI): Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Dengue und zur Impfung, Stand: 17.03.2025
6. Aggarwal C. et al.: Severe disease during both primary and secondary dengue virus infections in pediatric populations. Nat Med. 2024 Mar;30(3):670-674.
7. Robert Koch-Institut (RKI), Epidemiologisches Bulletin 28/2025, Stand 10.07.2025
8. Robert Koch-Institut (RKI), Epidemiologisches Bulletin 4/2025, Stand 23.01.2025.
9. ECDC - Seasonal surveillance of chikungunya virus disease in the EU/EEA, weekly report, Week 45, 2025 (zum Report)
10. University of Minnesota - CIDRAP News: Sanofi restricts dengue vaccine but downplays antibody enhancement (zum Artikel), Stand: 01.12.2017
11. Fachinformation Qdenga®, Stand Juli 2025
12. Centrum für Reisemedizin (CRM), CRM-Kommentar „CRM-Empfehlung zur Impfung gegen Dengue bei Reisenden“ (zum Kommentar), Stand: Januar 2025
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