Nestschutz und Entwicklung des Immunsystems

Einführung in die Grundlagen des kindlichen Immunsystems und die dessen Entwicklung sowie das Konzept des Nestschutzes

6. Juli 2026
Lesedauer: 4 Min.
Frau hält ein Baby im Arm

Einführung: Warum früher Impfschutz entscheidend ist

Das Immunsystem von Neugeborenen ist bei Geburt noch nicht vollständig ausgereift. In den ersten Lebensmonaten besteht daher eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber Infektionserregern. Gleichzeitig verlaufen viele Infektionskrankheiten in diesem Alter schwerer als bei älteren Kindern oder Erwachsenen. 

Vor diesem Hintergrund kommt dem rechtzeitigen Aufbau eines aktiven Impfschutzes eine zentrale Bedeutung zu. Ziel ist es, Kinder bereits zu dem Zeitpunkt zu schützen, zu dem sie besonders gefährdet sind.1 

 

Entwicklung des kindlichen Immunsystems

Nach der Geburt befindet sich das Immunsystem in einer Reifungsphase. Die eingeschränkte Immunkompetenz ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass das Kind bislang nur begrenzten Kontakt zu Krankheitserregern hatte.2 

Im Verlauf der ersten Lebensjahre entwickelt sich das Immunsystem schrittweise, wodurch die Fähigkeit zur effektiven Immunantwort zunimmt und parallel die Anfälligkeit für Infektionen abnimmt.3 Diese natürlichen Entwicklungen verdeutlichen: Säuglinge sind in einer besonders gefährdeten Phase, in der sie weder über einen vollständig ausgebildeten Eigenschutz noch über langfristige Immunität verfügen.1

Grafik : STIKO-Impfkalender von Geburt bis U9

Abbildung 1: Entwicklung der Immunkompetenz nach Geburt1,2,3

In den ersten Lebensmonaten profitieren Neugeborene vom sogenannten „Nestschutz“. Dabei handelt es sich um eine natürliche passive Immunisierung, indem mütterliche Antikörper (IgG) während der Schwangerschaft über die Plazenta auf das Kind übertragen werden. Dies geschieht vor allem in den letzten Wochen der Schwangerschaft.4

Das Kind erhält allerdings nicht für alle Infektionskrankheiten mütterliche Antikörper. Das Konzept funktioniert nur für Erreger, zu denen das mütterliche Immunsystem, durch Impfung oder Erkrankung, zuvor Kontakt hatte. Außerdem ist der Schutz – wie andere passive Immunisierungen auch – zeitlich begrenzt. Er hält in der Regel nur für wenige Monate an und geht im Verlauf der ersten Lebensmonate verloren.5

Dadurch entsteht eine Schutzlücke: Sobald die maternalen Antikörper nicht mehr ausreichend wirksam sind, ist das Kind ohne eigenen Immunschutz besonders gefährdet. Auch durch das Stillen können Antikörper an das Kind übertragen werden (IgA-Antikörper für den Schleimhautschutz). Dies kann den Nestschutz zwar in gewissem Maße verlängern und das kindliche Immunsystem unterstützen, bewirkt allerdings keinen alleinigen Schutz vor impfpräventablen Erkrankungen und kann Impfungen nicht ersetzen.5

 

Die Schutzlücke als kritisches Zeitfenster

Die Kombination aus unreifem Immunsystem und nachlassendem Nestschutz führt zu einem kritischen Zeitfenster im Säuglingsalter. In dieser Phase besteht ein erhöhtes Risiko für Infektionen, die häufig schwer verlaufen können.1

Verschiedene Beispiele aus der klinischen Praxis verdeutlichen dieses Risiko:

Respiratorische Infektionen (z. B. RSV): RSV ist einer der häufigsten Erreger schwerer Atemwegsinfektionen bei Säuglingen. In Deutschland kommt es jährlich zu rund 24.000 Krankenhausbehandlungen, insbesondere bei sehr jungen Kindern.6

Grafik: Inzidenz stationär behandelter RSV-Infektionen in Deutschland

Abbildung 2: Inzidenz stationär behandelter RSV-Infektionen in Deutschland6

Meningokokken-Erkrankungen: Säuglinge und Kleinkinder weisen die höchste Inzidenz invasiver Meningokokken-Erkrankungen auf, die mit schweren Verläufen und lebensbedrohlichen Komplikationen einhergehen können. In den ersten Lebensmonaten liegen die Fallzahlen deutlich über denen älterer Altersgruppen (z. B. bis zu 2,82 Fälle pro 100.000 im ersten Lebensjahr), wobei die Erkrankungen häufig schwer verlaufen.7

Diese Beispiele unterstreichen, dass Infektionen im frühen Kindesalter nicht nur häufiger auftreten, sondern auch deutlich schwerer verlaufen können als bei älteren Kindern. Und genau hier kommt die große Bedeutung von frühzeitigen Impfungen ins Spiel.

 

Warum ein frühzeitiger Impfbeginn notwendig ist

Impfempfehlungen orientieren sich gezielt am Erkrankungsrisiko im jeweiligen Alter. Impfungen sollen so früh erfolgen, dass Kinder bestenfalls bereits geschützt sind, sobald sie besonders gefährdet sind.1

Daher empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) den Beginn erster Impfserien bereits in den ersten Lebenswochen bzw. -monaten. Beispiele hierfür sind der Beginn der Rotavirus-Impfung ab der 6. Lebenswoche oder der Start gewisser weiterer Grundimmunisierungen ab dem Alter von 2 Monaten.8 Ein frühzeitiger Impfbeginn ermöglicht den Aufbau eines aktiven, langfristigen Schutzes und schließt die Schutzlücke nach dem Nestschutz möglichst rasch.1

Gleichzeitig ist wichtig zu wissen, dass frühe Impfungen das kindliche Immunsystem nicht überfordern. Säuglinge sind täglich einer Vielzahl von Umweltantigenen ausgesetzt, sodass die kontrollierte Antigenmenge in Impfstoffen, auch bei Kombinationsimpfstoffen, nur eine geringe zusätzliche Belastung darstellt.Im Gegenteil: Durch die Impfung kann gezielt ein früher Schutz aufgebaut werden, ohne dass das Kind die Risiken einer natürlichen Infektion durchlaufen muss.1,9

 

Fazit für die Praxis

Das Immunsystem von Säuglingen ist funktionell noch unreif und entwickelt sich erst im Verlauf der ersten Lebensjahre. Der Nestschutz durch maternale Antikörper bietet nur einen vorübergehenden Schutz und nimmt nach wenigen Monaten deutlich ab. 

Zwischen abnehmendem Nestschutz und aufgebautem Impfschutz entsteht eine Schutzlücke mit erhöhtem Infektionsrisiko. Frühzeitige Impfungen sind essenziell, um Kinder bereits in dieser vulnerablen Phase zu schützen und schwere Krankheitsverläufe zu verhindern. 

Referenzen

1 RKI-Faktensandwich: Impfungen sind besonders bei Säuglingen und Kleinkindern wichtig, verfügbar unter https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Informationsmaterialien/Impfmythen/falschinformationen-wirksam-aufklaeren.html?templateQueryString=faktensandwich (abgerufen am 24.06.26)

2 Demirjian A, Levy O. Safety and efficacy of neonatal vaccination. Eur J Immunol. 2009 Jan;39(1):36-46. doi: 10.1002/eji.200838620; CDC. CDC Recommended Immunization Schedule for Children and Adolescents Aged 18 Years or Younger, United States, 2017. 

3 Simon AK, Hollander GA, McMichael A. Evolution of the immune system in humans from infancy to old age. Proc Biol Sci. Dec 22 2015;282(1821):20143085

4 Palmeira P, et al. Clin Dev Immunol 2012;2012:985646;  Chu HY, Englund JA. Clin Infect Dis 2014;59:560–568

5 RKI – Nestschutz, verfügbar unter https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/Nestschutz/FAQ-Liste-Nestschutz.html#entry_16956494 (abgerufen am 24.06.26)

6 Epid Bull 2024;26:3-29 | DOI 10.25646/12198

7 Robert Koch-Institut: SurvStat@RKI 2.0, https://survstat.rki.de, Stand: 2026, abgerufen am 12.02.2026​, Übermittelte Fallzahlen invasiver Meningokokken-Erkrankungen gemäß Referenzdefinition; Meldepflicht gemäß IfSG; 2022; IME mit Angabe der Serogruppe B, C, W, Y

8 Epid Bull 2026;4:1-79 | DOI 10.25646/13636.3

9 RKI-Faktenblatt: 6-fach-Impfung, verfügbar unter https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Informationsmaterialien/Faktenblaetter-zum-Impfen/Sechsfach-Impfung.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (abgerufen am 24.06.26)

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