Impfungen im Erwachsenenalter: Versorgungsbedarf
Einordnung zentraler Herausforderungen im Umgang mit Impfungen sowie bestehender Versorgungslücken im Erwachsenenalter
Abbildung 1: Darstellung der Infektionsausbreitung ohne und mit Impfschutz.
Der Einfluss von Impfprogrammen auf die Verbreitung von Infektionskrankheiten lässt sich historisch klar belegen.
Durch weltweit koordinierte Impfmaßnahmen der WHO konnten die Pocken bis 1979 vollständig ausgerottet werden. Programme wie das 1974 initiierte Expanded Programme on Immunization (EPI) haben zudem durch den weltweiten Zugang zu Impfungen gegen Erkrankungen wie Tuberkulose, Polio und Masern bis heute schätzungsweise über 150 Millionen Todesfälle verhindert.1,2
Gerade vor diesem Hintergrund sind die Voraussetzungen in Deutschland für eine effektive Impfprävention günstig: Ein breiter Zugang zu Impfstoffen, eine niederschwellige Verfügbarkeit sowie klare Empfehlungen durch die STIKO schaffen gute Rahmenbedingungen. Dennoch bleibt die tatsächliche Inanspruchnahme von Impfungen im Erwachsenenalter in vielen Bereichen hinter diesen Möglichkeiten zurück.
Abbildung 2: Impfquoten von STIKO‑empfohlenen Impfungen bei Patientinnen und Patienten ab 60 Jahren. 3
Daten zu Impfquoten zeichnen ein sehr zwiespältiges Bild von der Wahrnehmung von Impfangeboten. Während Impfraten im Kindesalter auf hohem Niveau sind und Impfziele häufig erreicht werden, fallen sie mit steigendem Lebensalter teils deutlich ab. Besonders bei älteren Patientinnen und Patienten zeigen sich ausgeprägte Versorgungslücken: Ende 2024 lag die Influenza‑Impfquote bei Personen ab 60 Jahren bei etwa 34 %, während bei der Pneumokokken‑Impfung nur etwa jede fünfte impfberechtigte Person tatsächlich geimpft war. Die COVID‑19‑Auffrischungsrate lag mit rund 14 % nochmals deutlich darunter. Für die RSV‑Impfung liegen aktuell noch keine belastbaren Daten vor. Auch bei der Herpes‑zoster‑Impfung zeigen sich weiterhin vergleichsweise niedrige Impfquoten – trotz zuletzt steigender Inanspruchnahme.
Damit betreffen niedrige Impfquoten ausgerechnet die Altersgruppe mit dem höchsten Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Zusätzlich zeigen sich auch regionale Unterschiede (Q1/2025), mit tendenziell höheren Impfquoten in norddeutschen Bundesländern und niedrigeren in südlichen Regionen. Dies deutet auf strukturelle Unterschiede in der Versorgung und Umsetzung von Impfempfehlungen hin. Ähnliche Muster lassen sich auch bei anderen Impfungen beobachten. Insgesamt ergibt sich ein deutliches Missverhältnis zwischen Infektionsrisiko und Inanspruchnahme von Impfungen. Trotz klarer Empfehlungen werden sowohl Standard- als auch Indikationsimpfungen im Erwachsenenalter nicht konsequent umgesetzt.
Abbildung 3: Regionale Impfquoten der Herpes‑zoster‑Impfung in Deutschland (Stand: Q1 2025)4
In der Folge bleibt ein erheblicher Teil des präventiven Potenzials ungenutzt, während vermeidbare Infektionskrankheiten, Komplikationen und daraus resultierende Hospitalisierungen das Gesundheitssystem weiterhin belasten. So treten in Deutschland jährlich schätzungsweise 300.000 bis 400.000 Fälle von Herpes zoster sowie knapp 400.0000 gemeldete Influenza-Fälle auf.5,6 Zum Vergleich: Die Zahl der Verletzten im Straßenverkehr lag zuletzt bei rund 365.000 pro Jahr.7 Während hier eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz für Präventionsmaßnahmen (z. B. für das Tragen von Schutzhelmen und Sitzgurten) besteht, wird das präventive Potenzial von Impfungen bislang deutlich weniger ausgeschöpft.
Die Ursachen dieser Versorgungslücke sind vielschichtig. Auf Seiten der Patientinnen und Patienten bestehen häufig Unsicherheiten hinsichtlich des Nutzens und der Risiken von Impfungen sowie eine geringe Wahrnehmung des eigenen Infektionsrisikos im höheren Lebensalter. Das Robert Koch-Institut (RKI) untersucht im Rahmen des IMPRESS-Projekts regelmäßig, warum Menschen sich impfen lassen oder nicht, um die Impfbereitschaft in Deutschland gezielt zu verbessern. Die Ergebnisse zeigen, dass zwar grundsätzlich Vertrauen in Impfstoffe besteht, gleichzeitig jedoch Unsicherheiten – insbesondere hinsichtlich potentieller Nebenwirkungen - verbreitet sind und die Impfentscheidung beeinflussen.8 Zudem zeigt sich, dass viele Menschen nur eine begrenzte Gesundheitskompetenz in Bezug auf Impfungen verfügen und häufig unsicher im Umgang mit gängigen Impfmythen sind. Dadurch fällt es ihnen schwer, Informationen und Empfehlungen richtig einzuordnen.
Daraus ergibt sich ein klarer Handlungsbedarf für die Praxis. Im Umgang mit Impfmythen und Unsicherheiten ist eine klare und verständliche Kommunikation entscheidend. Dabei kann zum Beispiel die Nutzung des Faktensandwich‑Prinzips helfen: richtige Information / Mythos / richtige Information. Ebenso wichtig ist die strukturierte Umsetzung im Praxisalltag. Eine regelmäßige Impfstatusprüfung, die konsequente Nutzung von Koadministration sowie die gezielte Ansprache älterer Patientinnen und Patienten können wesentlich dazu beitragen, Impfquoten zu verbessern.
Zentral für die Umsetzung einer Impfstrategie sind niedrigschwellige Informations‑ und Fortbildungsangebote für medizinisches und pharmazeutisches Fachpersonal sowie für Patientinnen und Patienten, unterstützt durch digitale Tools im Versorgungsalltag. Darüber hinaus kann die stärkere Einbindung weiterer Versorgungsstrukturen, wie etwa Apotheken, den Zugang zu Impfungen verbessern und das Gesundheitssystem nachhaltig entlasten.
Referenzen
1. Shattock A, Johnson H, Sim S et al. Contribution of vaccination to improved survival and health: modelling 50 years of the Expanded Programme on Immunization. Lancet. 2024;403:2307–2316. doi:10.1016/S0140-6736(24)00850-X
2. Robert Koch-Institut (RKI). Eliminationsprogramme für Infektionskrankheiten. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Eliminationsprogramme/eliminationsprogramme-node.html; Zugriff: 03.06.2026
3. Epid Bull 2025;50:3-13 | DOI 10.25646/13589
4. Robert Koch-Institut (2025). VacMap – Dashboard zum Impfgeschehen in Deutschland. https://www.rki.de/vacmap
5. Epid Bull 2025;41:3-14 | 10.25646/13477
6. Ultsch B, Siedler A, Rieck T, Reinhold T, Krause G, Wichmann O. Herpes zoster in Germany: quantifying the burden of disease. BMC Infect Dis. 2011;11:173. Published 2011 Jun 16. doi:10.1186/1471-2334-11-173
7. Statistisches Bundesamt (Destatis). Verkehrsunfälle. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Verkehrsunfaelle/_inhalt.html; Zugriff: 09.06.2026
8. Robert Koch-Institut (2026). Warum wir uns impfen lassen und wann wir zögern. Ergebnisse des Forschungsprojekts IMPRESS: Impfverhalten verstehen, Preparedness steigern. Schwerpunkt: Allgemeinbevölkerung
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