Impfungen als Teil einer ganzheitlichen Prävention
Die Rolle von Infektionen als beeinflussbare Risikofaktoren für nicht-infektiöse Erkrankungen und Exazerbationen von Grunderkrankungen
Infektionskrankheiten und ihre mittelbaren und unmittelbaren Folgen
Lange Zeit stand bei der Betrachtung von Infektionskrankheiten vor allem die akute Symptomatik im Vordergrund – insbesondere bei lebensbedrohenden Erkrankungen wie z. B. den Pocken. Mit dem Fortschritt der modernen Medizin wurde deutlich, dass Infektionskrankheiten nicht nur unmittelbare und sichtbare Folgeschäden hinterlassen, wie etwa Pockennarben oder bleibende Lähmungen nach Poliomyelitis, sondern auch längerfristige, oft weniger offensichtliche postinfektiöse Syndrome verursachen können. Typische Beispiele hierfür sind chronische Fatigue nach Virusinfektionen, etwa im Zusammenhang mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) oder Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 (SARS-CoV-2), sowie das Post-Polio-Syndrom, das häufig erst Jahrzehnte nach der ursprünglichen Infektion auftritt.1,2 Erst durch genauere Datenerhebung sowie statistische und epidemiologische Modelle konnten in den letzten Jahren bislang unerkannte Zusammenhänge zwischen Infektionskrankheiten und anderen Gesundheitsereignissen beschrieben werden. So konnte beispielsweise nach Einführung der Masernimpfung auf Bevölkerungsebene ein indirekter Effekt beobachtet werden, bei dem die allgemeine Kindersterblichkeit stärker zurückging, als allein durch die Verhinderung von Masernfällen zu erwarten gewesen wäre.3 Derartige Erkenntnisse erweitern nicht nur das Verständnis von biologischen Prozessen und Veränderungen, z. B. des Immunsystems, die mit Krankheiten einhergehen, sondern sind auch für die Bewertung des Nutzens von Präventionsstrategien von hoher Bedeutung.
Abbildung 1: Infektionen und infektionsbedingte Risiken sind ein zentraler Ansatzpunkt für die Prävention.
Infektionen als Risikofaktor für nicht-infektiöse Erkrankungen
Eine interessante Beobachtung wurde im Zusammenhang mit Atemwegsinfektionen gemacht: Infektionen mit dem Influenzavirus, mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) und mit SARS-CoV-2 treten typischerweise in wiederkehrenden Wellen auf, nach denen zeitversetzt auch Anstiege kardiovaskulärer Ereignisse beobachtet werden können.4-6
Neben Assoziationen mit kardiovaskulären Erkrankungen für Influenza und SARS-CoV-2 wurden auch Assoziationen mit autoimmunologischen Folgeerkrankungen sowie einer erhöhten Anfälligkeit für weitere Infektionen wie Herpes zoster nach SARS-CoV-2-Infektionen beobachtet.5,7-10 Für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Assoziationen mit verschiedenen Infektionskrankheiten, nicht nur mit Atemwegserkrankungen, in den letzten Jahren untersucht und aufgezeigt worden. So ist das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse beispielsweise nach einer Herpes-zoster-Episode erhöht, für einen Schlaganfall insbesondere bei Herpes zoster ophthalmicus.11,12 Bei Patientinnen und Patienten mit chronischer bzw. terminaler Nierenerkrankung wurden Assoziationen zwischen Herpes zoster, Progression der Nierenerkrankung und erhöhter Mortalität beschrieben.13,14 Ob diesen Beobachtungen auch ein direkter kausaler Zusammenhang zugrunde liegt, ist bisher nicht geklärt.
Darüber hinaus weisen andere Studien auf Zusammenhänge zwischen bestimmten Virusinfektionen und späteren neuroimmunologischen oder neurodegenerativen Erkrankungen hin. Besonders für die Multiple Sklerose ist eine enge Assoziation mit einer Infektion durch EBV beschrieben. Weitere infektiöse Faktoren werden als mögliche Einflussgrößen diskutiert, etwa Influenza als Trigger von Schüben.15,16 Auch für andere neurodegenerative Erkrankungen zeigen retrospektive Studien Hinweise auf entsprechende Zusammenhänge: So finden sich bei betroffenen Patientinnen und Patienten im Vergleich zu Kontrollgruppen häufiger vorausgegangene virale Infektionen, insbesondere Enzephalitiden und Pneumonien. Diese Beobachtungen belegen zwar keine Kausalität, unterstützen jedoch die Hypothese, dass schwere Infektionskrankheiten auch mit einem erhöhten Risiko für bestimmte neuroimmunologische und neurodegenerative Folgeerkrankungen assoziiert sein können.17 Die mögliche Rolle der Influenza vor allem beim Auslösen von Schüben bei der Multiplen Sklerose wird auch in den Impfempfehlungen berücksichtigt.18
Exazerbationen von Asthma oder COPD sind ein weiteres Beispiel. Sie treten häufig im Zusammenhang mit Atemwegsinfektionen wie z. B. RSV auf − ein Zusammenhang, der bereits in Impfempfehlungen berücksichtigt wird.18-20
Dies zeigt, dass Infektionen nicht nur isoliert unter dem Aspekt der akuten Symptomatik betrachtet werden sollten, sondern darüber hinaus als relevante Einflussfaktoren für das Auftreten von Folgeerkrankungen oder die Verschlechterung von bestehenden Erkrankungen zu verstehen sind.
Grunderkrankungen als Risikofaktor für Infektionskrankheiten
Zusammenhänge zwischen Infektionskrankheiten und anderen, meist nichtinfektiösen, Erkrankungen zeigen auch in die andere Richtung: Chronische Erkrankungen können das Risiko für Infektionen erhöhen. Vor allem Erkrankungen, die das Immunsystem beeinträchtigen, wie Tumor- oder Autoimmunerkrankungen, gehen mit einer starken Erhöhung der Infektanfälligkeit einher. Aber auch viele andere Organleiden, wie Erkrankungen der Lunge, der Leber, der Nieren oder des Herzens erhöhen die Anfälligkeit für oder einen schweren Krankheitsverlauf von Infektionskrankheiten teils deutlich. Auch diese Risiken sind bereits länger bekannt und werden von der STIKO berücksichtigt, insbesondere bei den Empfehlungen für die Indikationsimpfungen gegen COVID-19, Influenza, Pneumokokken, Herpes zoster und RSV.18
Zusammengenommen ergibt sich damit oft eine bidirektionale Beziehung zwischen Infektionskrankheiten und chronischen Erkrankungen: Infektionen können den Verlauf einer Grunderkrankung negativ beeinflussen, während die Grunderkrankung wiederum die Anfälligkeit gegenüber Infektionen erhöht.
Die zunehmende Bedeutung von Impfungen in der Prävention bei Risikopatienten
Die klinische Relevanz dieser Zusammenhänge wird zunehmend auch in der Praxis berücksichtigt. So wird die Influenzaimpfung mittlerweile als Bestandteil der kardiovaskulären Prävention bei Patientinnen und Patienten mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung gesehen.21,22 Ein protektiver Effekt bezüglich kardiovaskulärer Ereignisse wurde in prospektiven, randomisierten Studien zur Sekundärprävention nach Myokardinfarkt gezeigt.23 Auch wenn für andere Erreger und ihre Assoziation mit nichtinfektiösen Erkrankungen kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen wurde – soweit dies überhaupt möglich ist –, bildet sich der Konsens heraus: Ein umfassender Infektionsschutz kann über die Verhinderung akuter Erkrankungen hinaus einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten.21 Neben der Reduktion akuter Erkrankungen und deren Folgen kann er auch zur Stabilisierung bestehender Erkrankungen beitragen und ist damit ein essenzieller Bestandteil der Patientenversorgung.
Referenzen
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10 Hegde, S. M. et al. Temporal Association Among Influenza-Like Illness, Cardiovascular Events, and Vaccine Dose in Patients With High-Risk Cardiovascular Disease: Secondary Analysis of a Randomized Clinical Trial. JAMA Network Open 6, e2331284-e2331284 (2023). https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2023.31284
11 Heiat, M. et al. A comprehensive, updated systematic review and meta-analysis of epidemiologic evidence on the connection between herpes zoster infection and the risk of stroke. Reviews in Medical Virology 34, e2556 (2024). https://doi.org/10.1002/rmv.2556
12 Parameswaran, G. I. et al. Increased Myocardial Infarction Risk Following Herpes Zoster Infection. Open Forum Infectious Diseases 10 (2023). https://doi.org/10.1093/ofid/ofad137
13 Ahn, J. H. et al. Mortality risk after herpes zoster infection in end-stage renal disease patients. Clinical Kidney Journal 12, 101-105 (2019). https://doi.org/10.1093/ckj/sfy058
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21 Heidecker, B. et al. Vaccination as a new form of cardiovascular prevention: a European Society of Cardiology clinical consensus statement: With the contribution of the European Association of Preventive Cardiology (EAPC), the Association for Acute CardioVascular Care (ACVC), and the Heart Failure Association (HFA) of the ESC. European Heart Journal 46, 3518-3531 (2025). https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaf384
22 Fröbert, O., Pedersen, I. B., Hjelholt, A. J., Erikstrup, C. & Cajander, S. The flu shot and cardiovascular Protection: Rethinking inflammation in ischemic heart disease. Atherosclerosis 414 (2026). https://doi.org/10.1016/j.atherosclerosis.2025.120405
23 Fröbert, O. et al. Influenza Vaccination After Myocardial Infarction: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Multicenter Trial. Circulation 144, 1476-1484 (2021). https://doi.org/doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.121.057042
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