Impfung als Prävention – der Einfluss von Impfprogrammen

Dieser Artikel ist Teil der Lernreise: “Der Standardimpfkalender – Gut geschützt ins Leben starten”
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Einordnung der Bedeutung von Impfprogrammen für die Prävention von Infektionskrankheiten und deren Relevanz für die öffentliche Gesundheit. 

8. Juli 2026
Lesedauer: 6 Min.
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Ein unscheinbares Blatt Papier

Als die Mitgliedsstaaten der WHO am 23. Mai 1974 zur 27. Weltgesundheitsversammlung (World Health Assembly, WHA) die Resolution WHA27.57 verabschiedeten, nüchtern benannt mit einer Kombination aus Gremium (WHA), Tagungs- (27) und Resolutionsnummer (57) und das Blatt Papier nicht einmal gänzlich füllend, dürfte kaum abzusehen gewesen sein, dass jener unscheinbare Beschluss den Grundstein für eines der erfolgreichsten Public-Health-Programme der Medizingeschichte legen würde.1  

Ein Programm, das seit jenem Tag ca. 154 Millionen Todesfälle verhindern konnte, davon 146 Millionen bei Kindern unter fünf Jahren.3 Für jeden dieser verhinderten Tode wurden im Schnitt 66 Jahre gesunde Lebenszeit gewonnen.3 Insgesamt kommt man so auf 10,2 Milliarden Jahre. Ein Versuch, diese Zahl greifbar zu machen: Unsere Erde ist mit 4,54 Milliarden Jahren gerade einmal halb so alt.2

Schätzungsweise 40% des weltweiten Rückgangs der Säuglingssterblichkeit gehen auf jenes Programm zurück, das trotz dieser eindrücklichen Bilanz außerhalb von Fachkreisen nahezu unbekannt ist.3 Denn anders als spektakuläre medizinische Durchbrüche entfaltet es seine Wirkung im Verborgenen. Es verhindert Krankheiten, bevor sie entstehen, unterbricht Infektionsketten, bevor sie sichtbar werden und rettet Leben, ohne dass diese Rettung jemals als solche wahrgenommen wird.4 

Grafik : Rückgang der Säuglingssterblichkeit nach Regionen durch Impfungen

Abbildung 1: Rückgang der Säuglingssterblichkeit nach Regionen durch Impfungen

Mit dieser Resolution ruft die WHO 1974 das erste globale, koordinierte Impfprogramm (Expanded Programme on Immunization (EPI)) ins Leben. Und obwohl dessen größter Erfolg paradoxerweise die eigene Unsichtbarkeit ist, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein weltweites Netz nationaler und internationaler Impfprogramme, die heute zu tragenden Säulen der öffentlichen Gesundheitsversorgung gehören.6

 

Was sind Impfprogramme?

Impfprogramme bilden das organisatorische Rückgrat der Impfprävention. Sie sorgen dafür, dass Schutzimpfungen nach evidenzbasierten Empfehlungen systematisch umgesetzt werden. Dazu gehören Impfkalender, eine verlässliche Impfstoffversorgung, Aufklärungsmaßnahmen sowie die kontinuierliche Erfassung von Impfquoten und Krankheitsdaten. Ziel ist es, möglichst viele Menschen zum richtigen Zeitpunkt zu schützen und die Ausbreitung von Krankheitserregern gezielt einzudämmen.5,6

In Deutschland bilden die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut die Grundlage der öffentlichen Impfempfehlungen und werden kontinuierlich an neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die epidemiologische Lage und verfügbare Impfstoffe angepasst. 

 

Mehr als Individualschutz

Ihr Erfolg beruht jedoch nicht allein auf dem Schutz der geimpften Person. Ihre größte Wirkung entfalten Impfprogramme auf der Bevölkerungsebene. Je mehr Menschen gegen einen übertragbaren Erreger geschützt sind, desto seltener wird er übertragen. Dadurch können Infektionsketten unterbrochen, Ausbrüche verhindert oder deutlich abgeschwächt werden. Zusätzlich profitieren von  diesem indirekten Schutz – je nach Erreger und Impfstoff – auch Menschen, die selbst nicht oder noch nicht geimpft werden konnten. Dazu zählen beispielsweise Säuglinge, Personen mit bestimmten Immundefekten oder Menschen, bei denen eine Impfung nicht ausreichend wirkt. Dieser indirekte Bevölkerungsschutz wird als Gemeinschaftsschutz oder Herdenimmunität bezeichnet.5,7

Grafik: Anteil geretteter Kinderleben durch Masernimpfung

Abbildung 2: Anteil geretteter Kinderleben durch Masernimpfung

 

Was Impfprogramme erreichen können 

Wie groß der Einfluss gut etablierter Impfprogramme sein kann, zeigt sich eindrucksvoll an zahlreichen impfpräventablen Erkrankungen:

Den größten Erfolg stellt die Eradikation der Pocken dar. Noch im 20. Jahrhundert forderte die Erkrankung jährlich Millionen Todesopfer. Nach einer weltweit koordinierten Impfkampagne wurde 1977 der letzte natürlich erworbene Pockenfall registriert - 1980 erklärte die WHO die Erkrankung offiziell für ausgerottet. Bis heute sind Pocken die einzige Infektionskrankheit des Menschen, deren weltweite Eradikation gelungen ist.8

Auch die Poliomyelitis steht kurz vor diesem Ziel. Seit dem Start der Global Polio Eradication Initiative im Jahr 1988 ist die Zahl der Wildvirusfälle weltweit um mehr als 99 % zurückgegangen – von schätzungsweise 350.000 Fällen pro Jahr auf nur noch wenige Dutzend jährlich.9

Grafik: Anzahl geretter Kinderleben durch Impfungen

Abbildung 3: Anzahl geretter Kinderleben durch Impfungen

Ähnliche Entwicklungen zeigen sich bei zahlreichen weiteren impfpräventablen Erkrankungen. Seit Einführung der Hib-Impfung sind invasive Infektionen durch Haemophilus influenzae Typ b – darunter Meningitiden und Epiglottitiden – in Ländern mit hohen Impfquoten um mehr als 95 % zurückgegangen. Pneumokokken-Konjugatimpfstoffe reduzierten nicht nur invasive Pneumokokken-Erkrankungen bei geimpften Kindern, sondern führten durch den Gemeinschaftsschutz auch zu einem deutlichen Rückgang bei älteren Erwachsenen.5,10

Auch die Masern verdeutlichen den Einfluss von Impfprogrammen. Vor Einführung der Impfung infizierten sich nahezu alle Kinder mit dem Virus. Weltweit konnten zwischen 2000 und 2023 nach Schätzungen der WHO rund 60 Millionen Todesfälle durch Masernimpfungen verhindert werden. Gleichzeitig zeigen wiederkehrende Ausbrüche in Regionen mit sinkenden Impfquoten, dass der Erfolg von Impfprogrammen nicht dauerhaft selbstverständlich ist.11

Diese Erfolge der vergangenen fünf Jahrzehnte machen deutlich, dass Impfprogramme weit mehr sind als organisatorische Strukturen. Sie gehören zu den wirksamsten Instrumenten der modernen Präventionsmedizin. Damit sie auch künftig Millionen Erkrankungen und Todesfälle verhindern können, müssen sie kontinuierlich an neue wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst und von einer hohen Impfbereitschaft in der Bevölkerung getragen werden. 

Wie gut dies gelingt, lässt sich an den Impfquoten ablesen – und diese zeichnen in Deutschland ein ebenso erfreuliches wie herausforderndes Bild. Während im Kindesalter dank der engen Verknüpfung von Impfungen mit den U-Untersuchungen sehr hohe Impfquoten erreicht werden, bleiben sie insbesondere bei Erwachsenen und älteren Menschen häufig deutlich hinter den Empfehlungen zurück. Die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter schaffen feste Kontaktpunkte zum Gesundheitssystem, ermöglichen eine frühzeitige Impfberatung und erleichtern das rechtzeitige Nachholen fehlender Impfungen. Ein vergleichbares, flächendeckendes Präventionssystem existiert für Erwachsene hingegen nicht. Die Erfolge im Kindesalter zeigen, welches Potenzial in gut strukturierten Präventionsangeboten liegt.12

Referenzen

1. Samarasekera, U. (2024). 50 years of the Expanded Programme on Immunization. The Lancet, 403(10441), 1971–1972

2. Patterson, C. C. (1956). Age of meteorites and the earth. Geochimica et Cosmochimica Acta, 10(4–6), 230–237.

3. Shattock, A. J., Johnson, H. C., Sim, S. Y., Carter, A., Lambach, P., Hutubessy, R. C. W., et al. (2024). Contribution of vaccination to improved survival and health: Modelling 50 years of the Expanded Programme on Immunization. The Lancet, 403(10441), 2307–2316.

4. Cutler, D., & Miller, G. (2005). The role of public health improvements in health advances: The twentieth-century United States. Demography, 42(1), 1–22.

5. World Health Organization. (2020). Immunization Agenda 2030: A global strategy to leave no one behind.  abgerufen am 02.07.2026

6. World Health Organization. Essential Programme on Immunization (EPI). , abgerufen am 02.07.2026

7. Fine, P., Eames, K., & Heymann, D. L. (2011). "Herd immunity": A rough guide. Clinical Infectious Diseases, 52(7), 911–916, https://doi.org/10.1093/cid/cir007

8. World Health Organization. Smallpox eradication. (https://www.who.int/health-topics/smallpox#tab=tab_1), abgerufen am 02.07.2026

9. Global Polio Eradication Initiative. Global Polio Eradication Initiative – Polio today. (https://polioeradication.org/), abgerufen am 01.07.2026

10. Cavallazzi, R., & Ramirez, J. A. (2026). Evolving etiology of community-acquired pneumonia. Clinics in Chest Medicine, 47(2), 307–319.

11. World Health Organization. Progress Towards Measles Elimination. , abgerufen am 01.07.2026

12. Rieck, T., Feig, M., Wichmann, O., & Siedler, A. (2024). Impfquoten in Deutschland – aktuelle Ergebnisse aus dem RKI-Impfquotenmonitoring. Epidemiologisches Bulletin, 50, 3–18. , abgerufen am 03.07.2026

 

Abbildungen

Robert Koch-Institut. (2024). Infografiken zum Impfen: 50 Jahre Erweitertes Impfprogramm (EPI) der Weltgesundheitsorganisation [Infografik]., abgerufen am 03.07.2026

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