Impf-Wirkverstärker: Hochdosis oder Adjuvans?
Welche Bedeutung angepasste Impfstoffe für Hochrisiko-Gruppen haben und wie sie wirken
Die Bedeutung angepasster Impfstoffe
Zahlreiche Erkrankungen und medikamentöse Therapien, aber auch der natürliche Alterungsprozess des Menschen gehen mit einem erhöhten Risiko für schwere Verläufe von Infektionskrankheiten einher.1 Dieselben immunologischen Gründe, die für diese Risikozunahme verantwortlich sind, können auch negative Einflüsse auf die Wirksamkeit von Impfungen haben.1 So erreichen Personen ≥80 J. gegenüber Personen 60-69 J. einen deutlicher weniger wirksamen Schutz durch eine saisonale Influenza-Impfung mit einem nicht adjuvantierten Normaldosis-Impfstoff (ca. 45% vs. ca. 65%).2 Die zusätzliche Einnahme von Medikamenten, wie Methotrexat, kann die zu erwartenden Antikörperspiegel ebenfalls senken.3
Darüber hinaus bildet das menschliche Immunsystem gegen bestimmte Erreger trotz (mehrfacher) natürlicher Infektion keinen Langzeitschutz aus, sodass Reinfektionen dauerhaft möglich bleiben. So hat eine ungeimpfte Person (<49 J.) ohne relevante Grunderkrankung, die erstmalig einen Herpes zoster (Gürtelrose) entwickelt, eine ca. 9%-ige Wahrscheinlichkeit, innerhalb der nächsten 10 Jahre eine weitere Episode („Rezidiv“) zu erleiden, mit ca. 3 %-iger Wahrscheinlichkeit werden es sogar mehrere Rezidive in diesem Zeitraum sein.4
Um in diesen Situationen dennoch einen wirkungsvollen Schutz durch Impfungen erreichen zu können, sind angepasste Impfstoffe und Impfstrategien notwendig. Dabei kommen vor allem zwei Grundprinzipien zum Einsatz: Hochdosis-Impfstoffe und die Verwendung von Adjuvanzien. Wie sie wirken und welche besondere Rolle den Adjuvanzien aktuell sowie in der Zukunft noch zukommen könnte, erfahren Sie im folgenden Überblick.
1. Hochdosis-Impfstoffe:
Impfstoffe mit erhöhter Dosis des Wirkstoffs, gegen dessen Oberfläche die schützende Immunantwort gerichtet ist („Antigen“), sind vor allem aus der jährlichen Influenza-Impfkampagne bekannt, wo sie für Personen ≥ 60 J von der STIKO empfohlen werden.5 Aber auch im Hepatitis-A-Monoimpfstoff ist gegenüber dem Hepatitis-A/B-Kombinationsimpfstoff die doppelte Dosis des Antigens enthalten, sodass man ihn als „Hochdosis-Impfstoff“ bezeichnen kann.6,7 Das Wirkprinzip ist hier einfach: Durch eine höhere Menge des Antigens sollen mehr Immunzellen zu einer Reaktion gebracht werden, was einen verstärkenden Einfluss u. a. auf die Antikörper-Produktion und das Immungedächtnis hat.8 Häufig geht eine Erhöhung der Antigen-Dosis jedoch auch mit einer Zunahme unerwünschter Nebeneffekte („Reaktogenität“) der Impfung einher, sodass dieses Wirkprinzip allein meist nicht ausreichend ist.5
2. Adjuvanzien und Adjuvanssysteme:
Als Adjuvanzien werden Hilfsstoffe bezeichnet, deren Oberfläche nicht Ziel der schützenden Immunantwort ist, die aber aufgrund ihrer Eigenschaften die Ausprägung des Immungedächtnisses beeinflussen können. Durch die Kombination von mehreren solcher Adjuvanzien entstehen sogenannte Adjuvanssysteme. Die seit den 1920er Jahren als Adjuvanzien verwendeten Aluminiumsalze beispielsweise entfalten ihre Wirkung, indem sie Impfstoffantigene binden und eine langsamere sowie längerfristige Präsentation gegenüber Immunzellen ermöglichen. Gleichzeitig scheinen insbesondere unlösliche Aluminiumsalze eine direkte Aktivierung des angeborenen Immunsystems zu befördern, indem sie mit ihrer scharfkantigen Oberfläche Verletzungen an den Muskelzellen rund um die Injektionsstelle herbeiführen und eine gewünschte, lokal verstärkte Entzündungsreaktion in Gang setzen. Dadurch wandern mehr Immunzellen in das betroffene Gewebe ein und können in Kontakt mit dem Antigen treten.9
Abbildung 1. Schematische Darstellung der Wirkweise eines Normaldosis-Influenzaimpfstoffs ohne und mit Adjuvans (APZ = Antigenpräsentierende Zelle). Für Personen ≥60 J. werden aufgrund der höheren Wirksamkeit nur Hochdosis- oder adjuvantierte Influenzaimpfstoffe von der STIKO empfohlen.10
Moderne Adjuvanzien und Adjuvanssysteme können neben dieser generellen Verstärkung der Immunantwort oftmals auch deren Richtung beeinflussen, indem sie gezielt die Aktivierung bestimmter Zelltypen befördern.9 Dieser modulatorische Effekt auf die Immunantwort ermöglicht oftmals überhaupt erst einen Impfschutz gegenüber bestimmten Erregern und ist deshalb auch für die weitere Entwicklung von Impfstoffen enorm bedeutsam.
Ein Beispiel: Gegen Erreger wie das Herpes zoster auslösende Varizella-zoster-Virus sind Antikörper weitgehend nutzlos. Warum? Die Viren halten sich nach der Erstinfektion („Windpocken“) innerhalb von Zellen auf, der Wirkungsbereich von Antikörpern ist aber im Wesentlichen auf die Blutbahn beschränkt. Die natürliche Immunantwort des menschlichen Körpers auf die Erstinfektion, eine sogenannte B-Zell-Antwort mit Bildung von Antikörpern, bietet also keinen ausreichenden Schutz vor Herpes zoster, weil sie in die „falsche Richtung“ geht. Gebraucht werden eigentlich spezialisierte Immunzellen, die auch außerhalb der Blutbahn und innerhalb von Zellen gegen die Viren vorgehen können, eine sogenannte T-Zell-Antwort. Das im Herpes-zoster-Totimpfstoff enthaltene Adjuvanssystem „AS01“ kann genau diese T-Zell-Antwort verstärken, indem es u. a. dendritische Zellen aktiviert.11 Daher bietet eine Herpes-zoster-Impfung einen größeren Schutz vor einer (weiteren) Gürtelrose als eine bereits durchgemachte Gürtelrose.12
Auf Basis dieser Erkenntnis sind Impfungen gegen bisher nicht impfpräventable Erreger wie Moraxella catarrhalis, aber auch gegen onkologische Erkrankungen wie Melanome in der klinischen Entwicklung.13,14 Ähnlich wie bei Hochdosis-Impfstoffen wird auch für adjuvantierte Impfstoffe häufig eine Zunahme der Reaktogenität berichtet.5
Ein Überblick über ausgewählte Adjuvantien/Adjuvanssysteme:9
| Adjuvans (-system) | Komponenten | Wirkprinzip (Auszug) | Impfstoffe |
|---|---|---|---|
| Aluminiumsalze (diverse) | u. a.:
|
|
u. a.:
|
| Virosomen |
|
|
|
| MF59 | u. a.:
|
|
u. a.:
|
| AS04 |
|
|
|
| AS01 |
|
wie AS04, zusätzl.:
|
|
| Adjuvans (-system) | Komponenten | Wirkprinzip (Auszug) | Impfstoffe |
|---|---|---|---|
| Aluminiumsalze (diverse) | u. a.:
|
|
u. a.:
|
| Virosomen |
|
|
|
| MF59 | u. a.:
|
|
u. a.:
|
| AS04 |
|
|
|
| AS01 |
|
wie AS04, zusätzl.:
|
|
*aktuell (Juni 2026) keine Zulassung für Deutschland
Abkürzungen: APZ = Antigenpräsentierende Zellen (z.B. Dendritische Zellen); TLR4 = Toll-like-Rezeptor (Quelle: 4)
Generell ermöglichen Hochdosis-Impfstoffe sowie Impfstoffe mit Adjuvans gegenüber nicht adjuvantierten Standard-Impfstoffen häufig einen wirksameren und länger anhaltenden Impfschutz, insbesondere für Risikogruppen wie Personen mit Grunderkrankungen, ältere Personen und Personen, die bestimmte Medikamente einnehmen.9 Doch auch die Nutzung nicht adjuvantierter Standard-Impfstoffe bietet in den allermeisten Szenarien einen nachweisbaren Schutzeffekt für diese Gruppen, sodass im Zweifelsfall gelten sollte: Hauptsache geimpft.
Referenzen
1. Wagner N, Assmus F, Arendt G, Baum E, Baumann U, Bogdan C, et al. Impfen bei Immundefizienz: Anwendungshinweise zu den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen. (IV) Impfen bei Autoimmunkrankheiten, bei anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen und unter immunmodulatorischer Therapie. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2019;62(4):494-515.
2. Yang T, Tang L, Li P, Li B, Ye L, Zhou J. Effectiveness of inactivated influenza vaccine against laboratory-confirmed influenza among Chinese elderly: a test-negative design. BMC Geriatr. 2024;24(1):404.
3. Wroński J, Ciechomska M, Kuca-Warnawin E. Impact of methotrexate treatment on vaccines immunogenicity in adult rheumatological patients - Lessons learned from the COVID-19 pandemic. Biomed Pharmacother. 2023;165:115254.
4. Batram M, Witte J, Schwarz M, Hain J, Ultsch B, Steinmann M, et al. Burden of Herpes Zoster in Adult Patients with Underlying Conditions: Analysis of German Claims Data, 2007-2018. Dermatol Ther (Heidelb). 2021;11(3):1009-26.
5. Schlaberg J, Harder T, Askar M, Brockmann S, Lange B, Buda S, et al. Beschluss und Wissenschaftliche Begründung zur Anpassung der STIKO-Empfehlung einer Standardimpfung für Personen ≥ 60 Jahre zum Schutz vor Erkrankungen durch saisonale Influenzaviren. Epid Bull 2024;44:3-23 | DOI 10.25646/12901
6. Fachinformation "Hepatitis-A-Impfstoff (inaktiviert, adsorbiert)" [Hepatitis-A-Monoimpfstoff] - Stand: März 2025
7. Fachinformation "Hepatitis-A (inaktiviert)- und Hepatitis-B (rDNA) (HAB)-Impfstoff (adsorbiert)" [Hepatitis-A/B-Kombinationsimpfstoff] - Stand: April 2023
8. Lee JKH, Lam GKL, Yin JK, Loiacono MM, Samson SI. High-dose influenza vaccine in older adults by age and seasonal characteristics: Systematic review and meta-analysis update. Vaccine X. 2023;14:100327.
9. Garçon N, Leroux-Roels G, Cheng W-F. Vaccine adjuvants. Perspectives in Vaccinology. 2011;1(1):89-113.
10. Ständige Impfkommission: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2026. Epid Bull 2026;4:1-79 | DOI 10.25646/13636.3
11. Didierlaurent AM, Collignon C, Bourguignon P, Wouters S, Fierens K, Fochesato M, et al. Enhancement of adaptive immunity by the human vaccine adjuvant AS01 depends on activated dendritic cells. J Immunol. 2014;193(4):1920-30.
12. Jegede B, Zhou Y, Hawksworth H, Hui DSC, Montenegro Guerra N, Põder A, et al. Herpes zoster recurrence, and safety and immunogenicity of the recombinant zoster vaccine in adults aged ≥50 years with a history of herpes zoster: A phase 3, randomized controlled trial. J Infect. 2025;91(3):106573.
13. Van Damme P, Leroux-Roels G, Vandermeulen C, De Ryck I, Tasciotti A, Dozot M, et al. Safety and immunogenicity of non-typeable Haemophilus influenzae-Moraxella catarrhalis vaccine. Vaccine. 2019;37(23):3113-22.
14. Schooten E, Di Maggio A, van Bergen En Henegouwen PMP, Kijanka MM. MAGE-A antigens as targets for cancer immunotherapy. Cancer Treat Rev. 2018;67:54-62.
- Wir können keine Fragen zu spezifischen Patientenfällen, Produktempfehlungen oder off-label-Themen beantworten.
- Bitte geben Sie so viele Details wie möglich an, damit unsere Experten Ihnen die bestmögliche Antwort geben können. Achten Sie darauf, Ihre Frage klar und präzise zu formulieren.
- Seien Sie klar und spezifisch
- Geben Sie genügend Kontext, damit andere Ihre Frage leicht verstehen können.
- Beispiel: Anstatt "Welche Impfungen braucht man auf Reisen?" fragen Sie lieber "Welche Impfungen werden für eine Reise nach Südostasien empfohlen und was muss man beachten?"
- Halten Sie sich an unsere Richtlinien
- Vermeiden Sie Fragen zu Produkten, spezifischen Patientenfällen sowie off-label-Themen, da wir diese nicht beantworten dürfen.
- Beispiel: Anstatt "Kann ich Patient X Impfstoff Y verabreichen?" fragen Sie lieber "Welche Kontraindikationen muss ich bei einer Impfung gegen Grippe beachten?"
- Überprüfen Sie bestehende Fragen
- Nutzen Sie unsere automatischen Vorschläge bei Texteingabe, um die Doppelung von Fragen zu vermeiden.
Welche Impfungen werden Schwangeren ohne Vorerkrankungen empfohlen?
- Sie ist spezifisch und für ein breites Publikum geeignet.
- Sie vermeidet Fragen zu bestimmten Impfstoffen oder individuellen Patientenfällen.
- Sie konzentriert sich auf offizielle Empfehlungen und nicht auf persönliche Meinungen.
Warum diese Frage geeignet ist:
Oder stellen Sie Ihre Frage auf der Detailseite.
- Tipps für eine gute Frage – So formulieren Sie klar und präzise.
- Beispielfrage – Ein Muster für eine gut strukturierte Anfrage.
Dort finden Sie: