Das alternde Immunsystem: Bedeutung für Impfungen
Überblick über altersbedingte Veränderungen des Immunsystems, deren epidemiologische Relevanz und ihre Bedeutung für Impfungen im höheren Lebensalter
Abbildung 1: Graphische Darstellung des altersbedingten Wandels der Immunfunktion1, 2
Betrachtet man die Geschichte der Menschheit, so ist festzustellen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bis zu Beginn der Industrialisierung (ca. 1750) wesentlich geringer gewesen ist als heutzutage.1 Durch die Errungenschaften der modernen Medizin und verbesserte Hygienestandards können heute regelmäßig Lebensalter erreicht werden, die bis vor einigen Jahrhunderten die absolute Ausnahme bildeten. So ist es aus evolutionsbiologischer Sicht nicht verwunderlich, dass das Immunsystem bereits ab einem Alter von ca. 30 Jahren in seiner Leistungsfähigkeit abzunehmen beginnt. Das biologische Lebensalter wird dabei durch intrinsische und extrinsische Faktoren beeinflusst. Dazu zählen die individuelle Genetik, Lebensstilfaktoren wie Ernährung und körperliche Fitness sowie Vorerkrankungen und Umweltfaktoren.
Abbildung 2: Intrinsische und extrinsische Faktoren, welche das biologische Alter beeinflussen.2
Diese Alterungsprozesse führen mit steigendem Lebensalter zu einer höheren Infektanfälligkeit und zu einer zunehmenden Imbalance des Immunsystems auf Grund von chronischen Entzündungen.3, 4 Die Gründe hierfür sind vielfältig und betreffen sowohl das angeborene als auch das adaptive Immunsystem. Unter anderem spielt die Abnahme von Cytokinen als Botenstoffe zwischen T-Zellen und B-Zellen eine Rolle. Zudem wird der Pool an naiven B-Zellen und T-Zellen mit zunehmendem Lebensalter immer kleiner. Die Abnahme der naiven B-Zellen und T-Zellen hat zu Folge, dass die Fähigkeit zur spezifischen Erkennung neuer Antigene immer weiter abnimmt. Die Immunantworten laufen dadurch weniger effektiv und zielgerichtet, wodurch das Infektionsrisiko insgesamt ansteigt.5, 6
Abbildung 3. Relative Zunahme von Entzündungsprozessen mit zunehmendem Lebensalter. 7, 8, 9
Epidemiologische Bedeutung von Impfungen
Durch die im zunehmenden Alter ablaufenden Veränderungen im Immunsystem werden ältere Menschen anfälliger für Infektionen, gleichzeitig verlaufen die entstehenden Infektionserkrankungen häufig schwerer und führen zu höheren Hospitalisierungsraten.9 Präventive Maßnahmen wie Impfungen zählen daher zu den entscheidenden Ansätzen, um Morbidität, Hospitalisierungen und Mortalität im höheren Lebensalter zu reduzieren. Insbesondere bei Personen >60 Jahren können Infektionen erhebliche Folgen haben und über die akute Erkrankung hinaus auch länger anhaltende funktionelle Einschränkungen verursachen. Eingeschränkte Mobilität und eine verzögerte Genesung können zu Einbußen an Lebensqualität und gesellschaftlicher Teilhabe führen.
Abbildung 4. Alterspyramide von Deutschland. Jede zweite Person heute ist älter als 45 Jahre und jede fünfte Person heute ist älter als 66 Jahre.
Impfungen zählen zu den effektivsten Maßnahmen zur Prävention übertragbarer Krankheiten und verhindern weltweit jährlich Millionen von Krankheitsfällen und Todesfällen. Dennoch bestehen in Deutschland weiterhin große Versorgungslücken beim Impfschutz im Erwachsenenalter, insbesondere im höheren Lebensalter.10 Ein vollständiger Impfschutz reduziert nicht nur das individuelle Risiko einer Erkrankung sowie das Risiko schwerer Verläufe, sondern trägt zugleich dazu bei, vulnerable Gruppen wie Menschen mit chronischen Erkrankungen und ältere Patienten und Patientinnen indirekt zu schützen.11, 12
Mit zunehmender Lebenserwartung steigt auch das Risiko für chronische Krankheiten wie z.B. Diabetes mellitus, Herz-Kreislauferkrankungen, COPD, chronische Nierenerkrankungen oder onkologische Erkrankungen. Oftmals liegt im höheren Lebensalter auch eine Kombination aus verschiedenen Erkrankungen vor. Dadurch potenziert sich das Risiko für schwere Infektionsverläufe. Auch die Einnahme von immunmodulierenden Medikamenten oder ein erhöhter BMI steigern nochmals das Risiko für schwere Infektionsverläufe mit Hospitalisierung oder Tod. 3, 7, 8
Referenzen
1. https://alltagimmittelalter.gnm.de/de/leben-und-sterben
2. Franceschi C, et al. Mech Ageing Dev 2007; 128:92–105
3. Simon AK et al. Proc Biol Sci 2015;282:2014–3085
4. Del Giudice G et al. NPJ Aging Mech Dis 2017;4:1
5. Maggi S, et al. Expert Rev Vaccines 2010; 9(3 Suppl.):3–6; 2.
6. Kumar R, et al. Expert Rev Vaccines 2008; 7:467–479
7. Pae M, et al. Aging and disease 2012; 3:91–129.
8. Desai S & Landay A. Curr HIV/AIDS Rep 2010; 7:4–10.
9. Malaguarnera L, et al. Eur Rev Aging Phys Act 2008; 5:43–49
10. Weinberger B et al. Impfprävention im höheren Lebensalter. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. 2025. doi:10.1007/s00391-025-02496-4
11. Epid Bull 2025;50:3-13 | DOI 10.25646/13589.2
12. Epid Bull 2026;4:1-79 | DOI 10.25646/13636.3
Abbildungen
Abb. 4: Statistisches Bundesamt (Demografischer Wandel in Deutschland: Ursachen und Folgen - Statistisches Bundesamt (destatis.de)) & (Bevölkerungsstand: Amtliche Einwohnerzahl Deutschlands - Statistisches Bundesamt) [Abrufdatum: 24.04.2026].
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