Aufbau und zentrale Funktionen des Immunsystems

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Ein Überblick, wie das Immunsystem aufgebaut ist und seine zentralen Abwehrmechanismen funktionieren

10. September 2026
Lesedauer: 5 Min.
Grafik von Hand, die Viren abwehrt

Das Immunsystem schützt den Körper vor Krankheitserregern und anderen körperfremden Stoffen. Dafür arbeiten verschiedene Schutzmechanismen eng zusammen: Dazu gehören natürliche Barrieren wie Haut und Schleimhäute, spezialisierte Immunzellen, Botenstoffe sowie lymphatische Organe. Gemeinsam bilden sie ein komplexes Abwehrsystem. Der folgende Artikel gibt einen Überblick über den Aufbau des Immunsystems, das Zusammenspiel von angeborener und adaptiver Immunabwehr sowie die Entstehung des immunologischen Gedächtnisses.

Das Immunsystem ist kein einzelnes Organ, sondern ein über den gesamten Körper verteiltes Netzwerk. Seine zentrale Aufgabe besteht darin, Krankheitserreger und veränderte körpereigene Zellen zu erkennen und gegebenenfalls zu kontrollieren, ohne dabei gesundes Gewebe unnötig zu schädigen. Dabei muss es unterschiedliche, teilweise gegenläufige Anforderungen erfüllen: Es soll möglichst schnell auf Bedrohungen reagieren, gezielte Abwehrmechanismen entwickeln und gleichzeitig körpereigene Strukturen und harmlose Umweltantigene tolerieren.1

 

Barrieren bilden die erste Verteidigungslinie

Bereits die äußeren und inneren Körperoberflächen spielen eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr. Die Haut sowie die Schleimhäute der Atemwege, des Magen-Darm-Trakts und des Urogenitaltrakts bilden eine natürliche Schutzbarriere gegen Krankheitserreger. Darüber hinaus produzieren sie antimikrobielle Substanzen und beherbergen spezialisierte Immunzellen. Besonders an den Schleimhäuten steht das Immunsystem vor einer anspruchsvollen Aufgabe: Es muss Krankheitserreger abwehren, gleichzeitig aber Nahrungsbestandteile und das physiologische Mikrobiom tolerieren. Das mukosale Immunsystem verbindet deshalb lokale Barrierefunktionen mit angeborenen und adaptiven Abwehrmechanismen.1,2

Solange diese Barrieren intakt sind, verhindern sie häufig bereits das Eindringen eines Erregers. Werden sie jedoch überwunden, aktiviert das betroffene Gewebe innerhalb kurzer Zeit weitere Komponenten der angeborenen Immunantwort.

 

Angeborene Immunität: schnell und breit wirksam

Die angeborene Immunantwort ist von Geburt an vorhanden und kann innerhalb von Minuten bis Stunden auf eindringende Krankheitserreger reagieren. Dabei erkennt sie typische Merkmale von Erregern sowie Warnsignale, die bei geschädigten Körperzellen entstehen. Diese Erkennung löst Entzündungsreaktionen aus, begrenzt die Ausbreitung von Erregern und mobilisiert weitere Immunzellen.1

Zu den wichtigsten Zellen der angeborenen Immunabwehr gehören neutrophile Granulozyten, Monozyten und Makrophagen, dendritische Zellen sowie natürliche Killerzellen. Neutrophile Granulozyten und Makrophagen können Erreger aufnehmen und abbauen. Natürliche Killerzellen erkennen und eliminieren unter bestimmten Voraussetzungen infizierte oder veränderte körpereigene Zellen, zum Beispiel wenn die Menge an bestimmten Oberflächenproteinen verändert ist. Dendritische Zellen nehmen eine besondere Rolle ein: Sie nehmen Erreger oder deren Bestandteile auf, verarbeiten diese und präsentieren daraus entstandene kleine Bruchstücke den T-Lymphozyten. Damit bilden sie eine wichtige Brücke zwischen angeborener und adaptiver Immunantwort. Eine besondere Fähigkeit dendritischer Zellen ist die sogenannte Kreuzpräsentation. Dabei präsentieren sie aufgenommene Erregerbestandteile über MHC-I-Moleküle an CD8-positive T-Zellen und können so eine zytotoxische T-Zellantwort auslösen. Darüber hinaus präsentieren sie Antigene über MHC-II-Moleküle an CD4-positive T-Helferzellen, welche wiederum die zelluläre und humorale Immunantwort koordinieren.1,3

Ergänzt wird die zelluläre Immunabwehr durch lösliche Faktoren. Dazu gehören Zytokine und Chemokine, die als Botenstoffe die Aktivierung und Wanderung von Immunzellen steuern. Eine weitere wichtige Rolle spielt das Komplementsystem. Es kann Krankheitserreger für die Phagozytose (Aufnahme durch Fresszellen wie z. B. Makrophagen) markieren, Entzündungsreaktionen verstärken und unter bestimmten Voraussetzungen membranhaltige Zielstrukturen – etwa bestimmte Bakterien, behüllte Viren oder antikörpermarkierte Zellen – zerstören.1,3

Grafik : Schematische Darstellung der wichtigsten Funktionen des Immunsystems sowie der daran beteiligten Zellen.

Abbildung 1: Schematische Darstellung der wichtigsten Funktionen des Immunsystems sowie der daran beteiligten Zellen.

 

Lymphatische Organe organisieren die Immunantwort

In den primären lymphatischen Organen des Körpers, wozu das Knochenmark und der Thymus gehören, werden die Zellen des adaptiven Immunsystems gebildet und ausgebildet. Die Immunzellen gehen aus hämatopoetischen Stammzellen im Knochenmark hervor, wo sämtliche Blutzelllinien gebildet werden. B-Lymphozyten durchlaufen dort wesentliche Schritte ihrer Reifung. Die Vorstufen der T-Lymphozyten wandern dagegen in den Thymus. Dort reifen sie zu funktionsfähigen T-Zellen heran. Gleichzeitig werden T-Zellen mit einer starken Reaktivität gegen körpereigene Strukturen weitgehend aussortiert.1

Die Aktivierung naiver Lymphozyten erfolgt überwiegend in sekundären lymphatischen Organen. Dazu gehören Lymphknoten, Milz und lymphatische Gewebe der Schleimhäute. Über die Lymphbahnen gelangen Antigene und antigenpräsentierende Zellen aus den Geweben in die Lymphknoten. Dort treffen sie auf die passenden T- und B-Lymphozyten und können eine gezielte Immunantwort auslösen. Während die T-Zellen prozessierte Antigenfragmente erkennen, binden B-Zellen über ihren B-Zellrezeptor, der weitgehend den später gebildeten Antikörpern entspricht, an strukturell intakte, passende Antigene und werden aktiviert. Die Milz übernimmt eine ähnliche Aufgabe für Erreger und Antigene, die sich im Blut befinden.4,5

Das lymphatische Gefäßsystem dient damit nicht nur dem Transport von Gewebeflüssigkeiten. Es koordiniert auch die Wanderung von Antigenen und Immunzellen zwischen Gewebe, Lymphknoten und Blutkreislauf. Dadurch trägt es entscheidend dazu bei, Immunreaktionen auszulösen und gezielt an den Ort des Geschehens zu lenken.4,5

 

Adaptive Immunität: spezifisch und lernfähig

Die adaptive Immunantwort richtet sich gezielt gegen bestimmte Erregerbestandteile, sogenannte Antigene. Eine Schlüsselrolle spielen dabei B- und T-Lymphozyten. Da zunächst diejenigen wenigen Lymphozyten, deren Rezeptoren zum jeweiligen Antigen passen, durch dieses aktiviert werden müssen, entwickelt sich die adaptive Antwort beim ersten Erregerkontakt langsamer als die angeborene Immunantwort. Aktivierte Lymphozyten vermehren sich und entwickeln sich zu spezialisierten Effektorzellen.1,3

B-Lymphozyten können sich zu Plasmazellen entwickeln, die Antikörper produzieren. Diese Antikörper erkennen und binden gezielt an bestimmte Strukturen von Erregern. Dadurch können sie beispielsweise das Eindringen von Erregern in Zellen verhindern, mikrobielle Oberflächen für Fresszellen markieren oder das Komplementsystem aktivieren. Diese Form der Abwehr wird als humorale Immunantwort bezeichnet.1

T-Lymphozyten übernehmen verschiedene Aufgaben in der zellulären Immunabwehr. CD4-positive T-Helferzellen koordinieren Immunreaktionen über direkte Zellkontakte und die Freisetzung von Zytokinen. Sie unterstützen unter anderem die Aktivierung von Makrophagen, B-Lymphozyten und CD8-positiven T-Zellen. Aktivierte CD8-positive T-Zellen können infizierte oder veränderte körpereigene Zellen durch Überwachung von im MHC-I präsentierten Peptiden gezielt erkennen und abtöten. Zellen beladen den MHC-I kontinuierlich mit Bruchstücken der in ihnen synthetisierten Proteine. Die genaue Ausrichtung der adaptiven Antwort wird dabei wesentlich durch Signale der angeborenen Immunität bestimmt.1,3

 

Immungedächtnis, Regulation und Toleranz

Nach einer überstandenen Infektion oder einer Immunreaktion stirbt ein großer Teil der aktivierten Immunzellen wieder ab. Ein Teil der antigenspezifischen B- und T-Lymphozyten bleibt jedoch als langlebige Gedächtniszellen bestehen. Kommt der Körper erneut mit demselben Erreger oder Antigen in Kontakt, können diese Zellen deutlich schneller und oft auch stärker reagieren.1 

Auf diesem Prinzip beruht auch die Schutzwirkung von Impfungen: Sie machen das adaptive Immunsystem mit einem Antigen vertraut, ohne die mit einer natürlichen Infektion verbundenen Risiken. Beim späteren Kontakt mit dem Erreger steht dann bereits das Immungedächtnis bereit. Gleichzeitig können Impfungen die Bildung schützender Antikörper anregen. Sind diese in ausreichender Menge vorhanden, kann das Eindringen eines Erregers in den Körper und seine Ausbreitung erschwert oder eine Infektion sogar komplett verhindert werden.6

Eine starke Immunreaktion ist allerdings nicht automatisch eine gute Immunreaktion. Fällt die Abwehrreaktion zu stark aus oder hält sie zu lange an, kann sie körpereigenes Gewebe schädigen. Immunantworten werden daher mehrstufig reguliert, unter anderem durch hemmende Rezeptoren, regulatorische Zytokine und regulatorische T-Zellen. Gleichzeitig bestehen während der Entwicklung von B- und T-Lymphozyten verschiedene Kontroll- bzw. Selektionsmechanismen, welche die Reaktivität gegen körpereigene Strukturen begrenzen.1,7-9

Das Immunsystem ist somit kein starres Zwei-Säulen-System aus „angeboren“ und „adaptiv“. Beide Bereiche sind funktionell eng miteinander verzahnt. Die angeborene Immunität erkennt eine potenzielle Gefahr, begrenzt sie und legt über Antigenpräsentation und Botenstoffe die Richtung der adaptiven Antwort fest. Die adaptive Immunität ergänzt diese schnelle Abwehr durch hohe Spezifität und ein immunologisches Gedächtnis. Erst das Zusammenspiel beider Systeme ermöglicht einen wirksamen Schutz vor Infektionen bei gleichzeitig möglichst geringer Schädigung des eigenen Gewebes.1,3,6

Auf einen Blick:

Das Immunsystem besteht aus Schutzbarrieren, Immunzellen, Boten- und Abwehrstoffen, lymphatischen Gefäßen und spezialisierten Organen. Die angeborene Immunantwort reagiert innerhalb kurzer Zeit auf Krankheitserreger und andere Gefahren. Die adaptive Immunantwort benötigt beim Erstkontakt mehr Zeit, ist dafür hochspezifisch und kann Gedächtniszellen bilden. Impfungen nutzen diese Lernfähigkeit des Immunsystems, um auf einen späteren Erregerkontakt vorzubereiten.

Referenzen

1. Flajnik, M. F., Singh, N. J. & Holland, S. M. Paul's Fundamental Immunology.  (Lippincott Williams & Wilkins, 2023).

2. Zhou, X. et al. Mucosal immune response in biology, disease prevention and treatment. Signal Transduction and Targeted Therapy 10, 7 (2025). https://doi.org/10.1038/s41392-024-02043-4

3. Wang, R. et al. The interaction of innate immune and adaptive immune system. MedComm (2020) 5, e714 (2024). https://doi.org/10.1002/mco2.714

4. Randolph, G. J., Ivanov, S., Zinselmeyer, B. H. & Scallan, J. P. The Lymphatic System: Integral Roles in Immunity. Annu Rev Immunol 35, 31-52 (2017). https://doi.org/10.1146/annurev-immunol-041015-055354

5. Liao, S. & Padera, T. P. Lymphatic function and immune regulation in health and disease. Lymphat Res Biol 11, 136-143 (2013). https://doi.org/10.1089/lrb.2013.0012

6. Orenstein, W., Offit, P., Edwards, K. M. & Plotkin, S. Plotkin's Vaccines.  (Elsevier, 2023).

7. Arneth, B. Molecular Mechanisms of Immune Regulation: A Review. Cells 14 (2025). https://doi.org/10.3390/cells14040283

8. Nemazee, D. Mechanisms of central tolerance for B cells. Nat Rev Immunol 17, 281-294 (2017). https://doi.org/10.1038/nri.2017.19

9. Ashby, K. M. & Hogquist, K. A. A guide to thymic selection of T cells. Nat Rev Immunol 24, 103-117 (2024). https://doi.org/10.1038/s41577-023-00911-8

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