Wie viele Patienten muss ich impfen, um einen zu schützen?

Sie spielt eine Rolle in Studien – und bei der Entscheidung, ob eine Impfung von der STIKO empfohlen wird oder nicht. Außerdem kann sie ein Bild über den Einfluss einer Vakzine im Infektionsschutz geben: Die Anzahl der zu Impfenden (Number Needed to Vaccinate, NNV). Eine Zahl kurz erzählt.

15. Januar 2024
Lesedauer: 2 Min.
Blauer abstrakter Zahlenhintergrund

Kurz gesagt: Was ist die NNV?

Die Anzahl der zu Impfenden sagt aus, wie viele Personen durchschnittlich geimpft werden müssen, um einen Erkrankungsfall zu verhindern. 

Sie berechnet sich aus der Inzidenz der jeweiligen Erkrankung in einer ungeimpften (Iu) und der in einer geimpften Population (Ig):

 

1/(Iu- Ig )

 

Je kleiner die daraus resultierende Zahl, desto weniger Personen müssen geimpft werden, um einen Erkrankungsfall zu verhindern – desto effektiver ist also die Impfung. Hierbei ist die NNV auch davon abhängig, ob Erkrankung, Hospitalisierung oder Todesfälle als verhindertes Ereignis für die Inzidenz herangezogen werden. 

Metaanalyse: So viele Personen müssten geimpft werden

Eine Metaanalyse wertete 8 nicht-randomisierte Studien aus, deren primäres Augenmerk die NNV für eine Herpes-Zoster (HZ)-Reaktivierung und die HZ-assoziierte Hospitalisierung sowie Mortalität waren. Die Analyse weist darauf hin, dass in der Gruppe der Über-65-Jährigen 12 Personen mit dem Totimpfstoff geimpft werden mussten, um einen Gürtelrose-Fall zu verhindern.1

Bei Betrachtung der Über-50-Jährigen zeigen sich ähnliche Werte: In dieser Population mussten 11 Personen mit dem Totimpfstoff geimpft werden, um einen Erkrankungsfall zu verhindern.1

 

Post-hoc Analyse von Zulassungsstudien stützt Zahlen

Diese niedrigen Werte spiegeln sich auch in einer Auswertung von Langzeitdaten der Zulassungsstudien für den HZ-Totimpfstoff wider.2 Um einen Gürtelrose-Fall zu verhindern, musste altersabhängig diese Personenzahl mit dem Totimpfstoff geimpft werden:2

  • 50–59 Jahre: 6 Personen
  • 60–69 Jahre: 6 Personen
  • ≥ 70 Jahre: 10 Personen

Die Daten beruhten auf der Annahme, dass 70 % der Erstgeimpften auch die für eine bestmögliche Schutzwirkung notwendige 2. Impfdosis erhalten haben. Ginge man von einer 100 %igen Compliance aus, verringerten sich die Zahlen auf: 5, 5, und 8 Personen.2

Bezogen auf die Verhinderung eines Falles von postherpetischer Neuralgie (PHN), einer häufigen und schmerzhaften Komplikation der Gürtelrose, müssten folgende Personenzahlen eine Impfung erhalten:2

 

Compliance                   70%            100%

50–59 Jahre (n)            36                28

60–69 Jahre (n)            34                28

≥ 70 Jahre (n)                48                 39

 

NNV für weitere Vakzinen

Die Zahl der zu Impfenden wird routinemäßig für die Evaluation von Impfempfehlungen herangezogen, so auch von der STIKO.3 Folgende Tabelle fasst Empfehlungsjahr, Indikationen und Anzahl der Personen, die geimpft werden müssen, um ein bestimmtes Ereignis zu verhindern („Prävention von“), zusammen:

Empfehlungsjahr* Impfindikation Prävention von NNV 
2007 HPV Mädchen  Zervix-Ca ~98/140a
2018 HPV Jungen

HPV-assoziierte Karzinome 

Tod durch HPV-assoziierte Karzinome 

Genitalwarzen

246b

724b

64b

2013 Rotavirus (RV)

RV-Gastroenteritis

Schwere RV-Gastroenteritis

Hospitalisierung

6

42

80

2016 Pneumokokken (PPSV23) 

IPD/PP Hospitalisierung

Tod

801

6.690

2018 Influenza tetravalent Behandelter Influenza-Fall 10–29 
2021 Influenza  Hochdosis  Behandelter Influenza-Fall < tetravalente Impfung
Unabhängig von der STIKO-Empfehlung COVID-19-Fall 78–119

* Die hier aufgeführten Impfungen werden nicht uneingeschränkt empfohlen. Bitte beachten Sie diesbezüglich die genauen Angaben der STIKO; a. Abhängig von einer angenommenen Durchimpfungsrate von 100 % / 70 %; b. NNV basierend auf der HPV-Impfung von Mädchen plus zusätzlicher Impfung von Jungen; IPD: Invasive Pneumokokken-Erkrankung; PP: Pneumokokken-Pneumonie; PPSV23: 23-valenter Pneumokokken-Polysaccharid-Impfstoff.

Die NNV kann Hinweise auf die Bedeutung eines Impfstoffes im Sinne des Infektionsschutzes liefern und wird neben anderen Kriterien bei der Evaluation von Impfempfehlungen herangezogen. Sie ist jedoch auch mit Vorsicht zu betrachten. So weist eine Analyse auf Basis mathematischer Modellierungen darauf hin, dass die NNV nur bei extrem hohen Reproduktionsraten und höchsteffektiven Vakzinen Schätzungen ohne Bias zulässt.4

 

Referenzen

1. Okoli GN et al. Infect Dis (Lond) 2022; 54(5): 356–366. 

2. Curran D et al. Hum Vaccin Immunother 2021; 17(12): 5296–5303.

3. Methodik der STIKO zur Entwicklung von Impfempfehlungen. Verfügbar unter: https://www.rki.de/EN/Content/infections/Vaccination/methodology/methoden_node_node.html. Abgerufen: 02/2023

4. Tuite AR et al. Vaccine 2013; 31(6): 973–978.

 

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